Neues Terrain-13 – 11.09.2019 – Leitlinien

Ottmar Kappen und Christoph Erbach, beide Mobilitätstrainer bei Sehwerk, sind zu Gast bei Gerhard Jaworek vom Studienzentrum für Sehgeschädigte (SZS) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Aufbauend zur letzten Folge, in welcher das klassische Hilfsmittel, der Langstock, betrachtet wurde, geht es heute um Leitlinien und Leitsysteme. Leitlinien (39:30, 27MB)

Aufbauend zur letzten Folge, in welcher das klassische Hilfsmittel, der Langstock, betrachtet wurde, geht es heute um Leitlinien und Leitsysteme.

Leitlinien gibt es auch für sehende Menschen. Sie folgen Straßen und wegen und laufen in der Regel nur in Ausnahmen querfeldein.

Für blinde Menschen stellt sich die Frage, wie man verschiedene Leitlinien verfolgen kann. Wie kann man einigermaßen geradeaus gehen, ohne dauernd vom Weg abzukommen? Wie bekommt man mit, dass die Straße eine Kurve macht?

All das bekommen sehende Menschen sehr früh schon mit.

Häuserwände können mit dem Stock oder auch der Hand entlang verfolgt werden. Bordsteine können mit dem Stock entlanggegangen werden. Bordsteinkanten kündigen auch Kurven an.

Eine wesentliche Erkenntnis im Orientierungs- und Mobilitätstraining muss sein, dass man begreift, dass Leitlinien generelle Umweltmuster darstellen, deren Verfolgung und Interpretation sich auch an unbekannten Orten anwenden lässt.

Sehende verfolgen oft auch taktile Leitlinien, indem Sie versuchen sich nachts, ohne Licht zu machen, durch die Wohnung, beispielsweise zur Toilette zu bewegen. Sie tasten sich an Möbeln und Türen entlang und finden so ihren Weg, oder auch nicht.

In jedem Fall entwickelt sich eine innere Landkarte. Die besteht bei blinden Menschen dann eher aus Bordsteine, Rabatten, Häuserwänden, aber auch aus statischen Dingen, wie Mülltonnen, Blumenkübeln, Gitter, Masten und weiterem.

Es gibt zwei Fernsinne, das Sehen und das Hören, wobei der Sehsinn noch deutlich weiter reicht. Der Langstock verlängert den Umweltradius für den Tastsinn.

Nicht überall sind jedoch Leitlinien vorhanden. Straßen und Plätze müssen meist frei überquert werden. Auf dem Land gibt es häufig keine Bordsteine in Neubaugebieten.

Es gibt auch akustische Leitlinien, so können manche blinde Menschen Hauswände hören. Sie müssen dann nicht ständig mit dem Stock oder der Hand sich daran entlang hangeln.

Manche überqueren Straßen, indem sie akustisch auf das gegenüberliegende Gebäude zulaufen. Bei dieser Technik wird die Tatsache ausgenutzt, dass jeder Mensch Trittschall erzeugt. Der Langstock stellt eine weitere Geräuschquelle dar, deren mit Umweltinformation beladene Reflektion ausgewertet und zur Verbesserung der Orientierung als Leitlinie verwendet werden kann.

Hört die Hauswand rechts auf, dann weitet sich der Raum akustisch. Grünstreifen können von manchen ebenfalls gehört werden.

Das Gehör ins Leitsystem zu integrieren ist mit die höchste Schule eines Mobilitätstrainings. Desto länger jemand erblindet ist, desto jünger er zum Zeitpunkt war, desto eher kann diese Technik erlernt und vervollkommnet werden. Bei geburtsblinden Menschen ist sie meist sehr verbreitet.

Eine weitere akustische Leitlinie kann Verkehr sein, der einem die Gehrichtung vorgibt.

Ein Ziel des Unterrichts ist es, dass man auch lernt frei zu gehen und nicht ständig eine Leitlinie benötigt. Die Leitlinie wird dann zur Grenze. Die Bordsteinkante wird nicht mehr kontinuierlich verfolgt, sondern ist ein Warnhinweis, dass man etwas vom geraden Weg abgekommen ist. Man kommt somit schneller voran.

Es wird unterschieden zwischen der inneren und der äußeren Leitlinie. Die äußere ist meist die Straße und tendenziell die gefährlichere.

Die meisten Hindernisse befinden sich immer an den Wegrändern, wie etwa  Mülleimer und Stromkästen eher an den inneren Leitlinien, und Autos, Fahrradständer Schilder eher an der Äußeren.

Die Fähigkeit frei zu gehen, erspart einem viele Hindernisse. Es gibt aber auch erwünschte Hindernisse. Wenn man weiß, was man tut und wo man hin möchte, kann man sich akustisch in einen Personenstrom einordnen, an ein Fahrrad hängen oder jemandem folgen.

Mehr und mehr werden im öffentlichen Raum Leitsysteme bestehend aus Rippenplatten und Noppenplatten verlegt. Sie können entweder zur Wegfindung dienen, indem man mit dem Stock oder dem Fuß ihnen folgt. Andererseits stellen sie auch eine Schutzfunktion dar, indem sie vor einem Gleisbett warnen.

Ein Leit- bzw. Orientierungssystem benötigt immer ein Konzept. Legte man die ganze Welt mit Leitsystemen aus, wäre das Leitsystem keines mehr. Seltene Orientierungsplatten tragen häufig mehr Information.

Es kann beispielsweise Sinn ergeben, Aufmerksamkeitsfelder zu legen, wo Wege von einem Hauptweg abgehen. Dazwischen benötigt man aber keine Leitlinien, da der Weg sowieso geradeaus geht.

Häufig werden Leitsysteme falsch eingebaut, weil keine Experten befragt wurden. Es gibt DIN-Normen, wie Leitsysteme beschaffen sein sollten und wie sie zu verlegen sind, z. B. an Haltestellen. Leitlinien und Leitsysteme müssen aber immer erlernt und deren Bedeutung interpretiert werden.

Es ist heute mehr Bewusstsein für Orientierung und Mobilität in der Öffentlichkeit vorhanden, als noch vor zwanzig Jahren. Auch Baustellen werden heutzutage so abgesichert, dass sie mit dem Langstock wahrgenommen werden können. Flatterbänder sind zum Glück verboten, die früher kleinere Baugruben umgaben.

Häufig denken Entscheider, sie müssten kilometerweise Rippenplatten verlegen. Das stimmt meist so nicht, denn, wo der Weg sowieso klar und eindeutig ist, braucht man keine zusätzliche Leitsysteme.

Es kann nicht immer sinnvoll sein, Betroffene danach zu fragen, wie ein geplantes Leitsystem an einer Stelle aussehen sollte, um möglichst hilfreich zu sein.

Die Experten sind hier eher die O&M-Trainer, weil sie zum einen den Problembereich sehend erfassen können und Lösungen finden, die dann wirklich hilfreich sind.

Auch andere Expertengruppen müssen hinzu gezogen werden, beispielsweise haben Rollstuhlfahrer Anforderungen an Bordsteinhöhen, die sich eventuell von den Vorstellungen blinder Experten unterscheiden.

Nicht zuletzt werden die positiven Entwicklungen durch die Behindertenrechtskonvention befeuert. Sicherheit und weniger Barrieren dienen allen.

Es ist zu erwarten, dass technische Entwicklungen, so wie  kamerabasierte Systeme und verbesserte engmaschigere Orientierungsdaten, hier noch viel Unterstützung bringen werden.

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